Es war im Jahr 2010. Dammbach hatte gerade mit der Realisierung des neuen Gemeindezentrums begonnen. Es war klar, dass man in den nächsten Jahren viel Geld ausgeben muss, das man eigentlich gar nicht hat. Da hörte Bürgermeister Bauer wieder das Zauberwort: Zuschüsse. Er kann nicht widerstehen. Es ist wie Weihnachten: Man muss sich nur ein Projekt ausdenken. Dann beschreibt man es so, dass es den sehr weitgefassten Förderrichtlinien entspricht und bekommt eine Förderung bis zu 50 %. Dass nur 50  der Nettokosten gefördert werden, wird erst einmal ausgeblendet.

Zuerst muss man ein Ziel erfinden, das man mit dem Projekt erreichen möchte. Was fällt da einem Hotelbetreiber ein? Natürlich:  „Die Erschließung neuer touristischer Zielgruppen und die Ergänzung des regionalen touristischen Angebots“. Passt doch! Und wie erreicht man das? Man baut einen barrierefreien Rundweg für Behinderte (= neue Zielgruppe) dort, wo Dammbach am schönsten ist: am Oberschnorrhof.

Eigentlich hätte sich Bürgermeister Bauer jetzt  über die Vorschriften für solch einen barrierefreien Weg informieren müssen. Maßgeblich für den Bau eines behindertengerechten Weges sind die „Hinweise für barrierefreie Verkehrsanlagen“ (H BVA) der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen. Diese besagen:  Die Längsneigung (Gehrichtung) darf höchstens 3% betragen. Bei mehr als 3 % sollen alle 6 m Bereiche mit Neigungen unter 3 % eingerichtet werden, um Räume zum Abbremsen und Ausruhen zu bieten. Anschließend wäre er dann den vorgesehenen Weg einmal abgegangen oder hätte vom Bauhof einmal nachmessen lassen. Er wäre schnell und kostengünstig zu dem Ergebnis gekommen: es gibt dort Steigungen von über 8 %. Ein behindertengerechter Rundweg ist dort nicht mit einem vertretbaren Aufwand zu machen. Man hätte sich damit die ganze teure Planung sparen können.

Aber auch der Gemeinderat hätte seine Rolle als Kontrollinstanz wahrnehmen können, hat er aber nicht. Der damalige 2. Bürgermeister Christian Wirth (CSU/FWG) arbeitet z. B. als Diplom-Ingenieur beim staatlichen Bauamt in Aschaffenburg. Ihm hätte auf jeden Fall klar sein müssen, dass es für einen barrierefreien Rundweg entsprechende Vorschriften gibt. Eine kurze Nachfrage in der eigenen Behörde oder eine Suche bei Google hätte ihm die entsprechenden Informationen geliefert. Er hätte diese weitergeben und so die Gemeinde vor Schaden bewahren können. So zumindest stellt sich ein Laie die konstruktive Mitarbeit eines Gemeinderates vor. Dafür wurde er gewählt.

Die Luxus-Variante: Als Tiger gestartet…

Aber es kam anders: bestellt wurde bei der Fa. Böhringer-iF aus Bad Alexandersbad die Vorplanung  eines  ca. 1 km langen  barrierefreien Rundweg der Luxusklasse mit behindertengerechten Rastplätzen und am Ausgangspunkt ein Aktionsfeld und ein Parkplatz mit behindertengerechten Stellplätzen. Etwas anderes als das teuerste und beste kommt für Bürgermeister Bauer ja nicht in Frage (Siehe Großspielgerät, Radstraße statt Radweg, Gemeindezentrum).

Ursprünglich war auch geplant, die Sitzplätze zum Tal hin zu öffnen, so dass man einen schönen Ausblick ins Tal hat:

Man muss zugeben: für Gehbehinderte wäre ein solcher barrierefreier Weg eine tolle und im Spessart wohl einmalige Sache gewesen, wenn sich denn das Problem mit den Steigungen hätte lösen lassen. Die geschätzten Kosten lagen brutto bei 280.000 €. Die Förderung durch Leader beträgt maximal 50 % der Nettokosten, also maximal 117600. Für Dammbach bleiben dann 162.400 €. Das war dann doch zu teuer für ein Spessartdorf, das sich gerade mit dem Bau eines ebenfalls sehr hochwertigen Gemeindezentrums in Richtung Ausgabensperre manövrierte.

Die gesamten Unterlagen können übrigens hier heruntergeladen werden.

Die abgespeckte Variante

Also wurde ein neuer Auftrag vergeben an die Landschaftsarchitekten Trölenberg + Vogt aus Aschaffenburg. Die haben den Rundweg im Prinzip beibehalten, sogar noch etwas erweitert. Allerdings verläuft er jetzt genau auf den schon vorhandenen Wegen und Pfaden.  Auf eine Abflachung der vorhandenen Steigungen wurde verzichtet. Die Aussichtsplattformen wurden umgedreht. Dass das ganze zwar ein schöner Rundweg ist, aber wegen der Steigungen eben nicht behindertengerecht, das wurde ausgeblendet. Dadurch wurde das ganze Projekt deutlich billiger: Bruttokosten 161.000 €.

 

So wurde es am 1. 2. 2012 in Mönchberg dem für die Mittelverteilung zustehenden Gremium (LAG LEADER in ELER) vorgestellt. Es wurde so (barrierefreier behindertengerechter Rundweg) genehmigt und es wurden maximal 68.651,08 € als Fördermittel zugesagt. Der am Oberschnorrhof tätige Gastwirt hat auch noch ein Spende versprochen, den Rest zahlt die Gemeinde Dammbach. Am 4. 2. 2012 berichtete auch das Main-Echo über den geplanten behindertengerechten Rundweg.

… und dann als Bettvorleger gelandet

Bis die Mittel tatsächlich von Brüssel genehmigt wurden, dauerte es einige Zeit. Auf jeden Fall befasste sich der Gemeinderat Dammbach am 16. 8. 2013 mit der Auftragsvergabe. 92.500 € war das günstigste Angebot für den Bau eines kurzen Wegstückes und insgesamt 6 Plattformen. Bürgermeister Bauer machte es seinen Räten schmackhaft mit der Aussage, dass es 50 % Zuwendung gibt. Den kleinen Zusatz „vom Nettopreis“ scheint er lt. Protokoll vergessen zu haben. Er hätte aber eine große Bedeutung gehabt: vom Bruttopreis werden nur ca. 40 % erstattet, die restlichen ca 60 % muss die Gemeinde zahlen. Zu den reinen Baukosten kommen natürlich noch Kosten für Grunderwerb, die Informationstafeln und die Planung.

Irgendwann war das Werk dann fertig, aber niemand hat es wohl bemerkt. Keine Einweihung mit Gästen aus München oder gar Brüssel, kein Probewandern des kompletten Gemeinderates mit spalierstehenden Dorfbewohnern, nichts. Und das war gut so. Sonst wäre ja der große Bluff bemerkt worden. Es gibt nämlich keinen barrierefreien behindertengerechten Rundweg durch die herrliche Natur. Es wurde lediglich ausschließlich auf vorhandenen Wegen und Pfaden ein ganz normaler Rundweg ausgeschildert und mit einigen Bänken und Hinweistafeln ausgestattet. Und es wurden im vorderen Bereich für Behinderte eine nur bedingt schöne Ansammlung von Aussichtsplattformen gebaut und mit einem kurzen Gehweg miteinander verbunden.

Wenn man zynisch wäre, könnte man folgende Nutzungsempfehlung geben: Die Betreuer kommen mit ihrem Behinderten zum Oberschnorrhof und parken diesen in einer der Plattformen. Anschließend gehen die Betreuer alleine den ausgeschilderten Rundweg. Wenn sie wieder an der Plattform zurück sind, erzählen sie ihrem Behinderten, was sie schönes gesehen haben. Anschließend fahren alle gemeinsam glücklich und zufrieden nach Hause.

Aktionsfeld im Bau

.. und im eingewachsenen Zustand mit Bänken

Diesen Ausblick hat man, wenn man auf dem letzten und größten Podest als normalgroßer Mensch aufrecht auf der Bank sitzt.

Letzte Frage: was hat es gebracht? Wurde eine neue touristische Zielgruppe erschlossen? Kamen wegen ihnen mehr Gäste in die durchaus empfehlenswerte Gaststätte am Oberschnorrhof? Oder wurde nur für Planung und Ausführung viel Geld nutzlos ausgegeben?

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